Zum Jahreswechsel – ein Blick auf die multi-kulti Fußballgesellschaft

So ein Jahreswechsel bringt traditionell die verschiedensten Rituale mit sich. Die bekanntesten sind sicherlich die Rückblicke auf das Vergangene – gerne auch kombiniert mir einem Blick auf das Kommende. In manchen Fällen wird das Ganze noch garniert mir den guten Vorsätzen. Auch bei uns im Blog bieten wir diesen Ritualen genügend Raum. Neben den sportlichen Bilanzen unserer Werkself, beschäftigen wir uns auch mit der Fußballkultur, der Fankultur – jeder mit seinem ganz eigenen Blick auf das Thema.

Es soll hier nicht um das erneute Wiederholen bekannter Fakten gehen. Ich möchte beschreiben, was mich als Fan, als Gelegenheitsbesucher von Gäste-Kurven und als (Sport-)Journalist in letzter Zeit rund um die Begriffe Fankultur und Stadionerlebnis beschäftigt hat. Dabei geht es nicht um einen bestimmten Verein und seine Fans, sondern um eine grundsätzliche persönliche Betrachtung des Fußballs und seiner vielfältig strukturierten Protagonisten.

Das DFL-Papier ist nun genug durchgekaut und auf mögliche Gefahren oder den Nutzen für den deutschen Fußball hin seziert worden. Die Fankurven haben sich positioniert und ihre Meinung – in der Regel friedlich – kundgetan. Was die einzelnen Parteien in Zukunft daraus machen, wird sich zeigen.

Eins vorweg: Über den Einsatz von Pyrotechnik in deutschen Stadien möchte ich nicht viele Worte verlieren. Ob die Fans hier noch einmal einen Konsens mit Verbänden, Vereinen und Politik finden, wird sich zeigen. Aktuell ist Pyrotechnik verboten und solange das so ist, haben Bengalos und Co. in deutschen Stadien nichts verloren. Mal abgesehen davon habe ich noch nicht erlebt, dass Feuer und Rauch zu einer spürbaren Steigerung der Stimmung im Stadion beigetragen haben. Da ziehe ich emotionale, abwechslungsreiche Gesänge und kreative Choreos mit Sicherheit vor. Ich habe auch nichts dagegen, wenn die aufmerksamkeitsstarke Plattform Fußball dazu genutzt wird, Meinungen zu kommunizieren und zu bestimmten Themen medienwirksam Stellung zu beziehen, solange sie ausschließlich den Fußball selbst betreffen (Beleidigungen und Diffamierungen einzelner Personen oder Gruppen möchte ich weder sehen noch hören). Schließlich ist der friedliche und gewaltfreie Protest – im gesetzlichen Rahmen – ein wichtiger Teil unserer demokratischen Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die sich dann als zivilisiert bezeichnen darf, wenn sie das Miteinander diverser Kulturen fördert und möglich macht.

Auch die Besucher eines Fußballspiels bilden eine Gesellschaft, in der unterschiedliche Kulturen ihren Platz haben müssen. Auch im Fußball geht es um einen multifaktoriellen Kulturbegriff, um ein Miteinander unterschiedlicher Gruppierungen mit unterschiedlichen Werten, Zielen und Idealen – und mit unterschiedlichen Erwartungen an „ihr Fußballerlebnis“. Es ist genau dieses bunte Multi-Kulti-Erlebnis, das den Fußball zu dem macht, was er ist: Leidenschaft, Hobby, Familie, Beruf, tägliche Diskussionen und ein gemeinsames Erlebnis am Wochenende – im Stadion, in der Kneipe, vor dem TV, am Radio, oder in den sozialen Netzwerken.

Im Stadion und seinem direkten Umfeld bringt der Fußball für einige Stunden Menschen zusammen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Akademiker, Handwerker, Studenten und Schüler (männlich, weiblich, jung, alt) treffen als Ultras, Old-Schooler, VIPS,  Heimfans, Gästefans, oder einfach nur als Menschen, die Spaß am Sport und am Fußball haben aufeinander. Und die Aufgabe der Vereine ist es nun mal ein Umfeld zu schaffen, in dem notwendige Regeln eingehalten werden, ohne die Freiheitsgrade einzelner unnötig einzuschränken. Dabei muss jeder – unabhängig von seinem individuellen Fußballbegriff – das Gefühl von persönlicher Sicherheit spüren. Der Ultra in der Kurve genauso, wie der Vater mit seinem Sohn im Block nebenan.

Ein multikulturelles Miteinander heißt aber auch, dass Fußball- und Fankultur nicht nur von einer sozialen Gruppierung geprägt werden kann. Kultur gehört nicht dem Einen oder den Anderen. Kultur ist kein in Stein gemeißeltes Dogma, das wie eine unantastbare heilige Kuh nur ein gültiges Verhalten im Stadion und nur eine gültige Meinung zum Thema zulässt. Es geht nicht ohne den Support aus der Kurve, der ein ganzes Stadion zu einer emotionalen Einheit verschmelzen kann – es geht aber auch nicht ohne den Rest. Kultur im Fußball ist das, was wir alle draus machen und was dazu führt, dass wir alle gemeinsam den Spaß am Spiel (im wahrsten Sinne des Wortes) bewahren.

Und ich habe Spaß am Fußball – im Stadion an der Dhünn vor und mit der Kurve, genauso wie in anderen Stadien in der Kurve. Ich habe Spaß, solange Fans zu ihrer Mannschaft stehen und das auch demonstrieren – in guten, wie in schlechten Zeiten! Und ich habe mich bislang in jedem Stadion sicher gefühlt – sicherer als bei nächtlichen U-Bahnfahrten in den unterschiedlichsten Regionen Deutschlands (das war vor allem bei den ersten Bundesligaspielen Ende der 70er und Anfang der 80er nicht so).

Aber es gibt natürlich auch Dinge, die mir keinen Spaß machen, die mich ärgern und auch wütend machen. Vor allem dann, wenn der Fußball instrumentalisiert und zur Selbstinszenierung benutzt wird – ob von Politikern, politischen Gruppierungen, einzelnen Fangruppen, oder den Medien. Probleme mit Gewalt, Alkohol und politischen Extremen sind ja keine Phänomene des Fußballs. Wenn es den Verantwortlichen (Politiker) aber nicht gelingt, Probleme lösungsorientiert anzugehen und in den Griff zu bekommen, scheint es ein Leichtes, die Verantwortung an andere abzugeben.

Auch die Schlagzeilen einiger Medien, die die Fußballwelt in boulevardesk gefärbter populistischer Schwarz-Weiß-Rethorik in Gut und Böse aufzuteilen versuchten, haben unserer Leidenschaft Fußball mehr geschadet, als genutzt. Und bei der Steigerung von Einschaltquoten und Verkaufszahlen hat sich nicht nur der Boulevard, sondern auch das eine oder andere „seriöse“ Medium durch Unwissenheit, mangelnde Differenzierung, schlechte Recherche und Populismus unrühmlich hervorgetan.

Die 12:12 Aktion der aktiven Fußballfans hat deutlich gemacht, worum es den Fans geht, sie hat Wirkung gezeigt und die erhoffte Aufmerksamkeit gebracht. Ein friedliche Demonstration, die solange in Ordnung ist, solange sie nicht der Mannschaft schadet – ob bewusst, oder unbewusst. Aber auch Teile der Fanszene haben ihren engagierten Mitstreitern durch unübersehbare Provokationen und unverständliches Verhalten einen Bärendienst erwiesen. Viele haben lautstark zum Schweigen aufgerufen, ohne sich wirklich intensiv mit der eigentlichen Thematik auseinandergesetzt zu haben. Das ist mir durch einige Gespräche und beim Blick in die sozialen Netzwerke deutlich geworden. Und dann droht der Fankultur im Verständnis der Kurven tatsächlich Gefahr.

Wer den Fußball in seiner jetzigen Form erhalten möchte – als emotionales und sicheres Sportspektakel für alle Fans im Stadion – der muss akzeptieren, dass er mit seinen Vorstellungen und Meinungen nicht alleine ist. Der muss sich an Regeln und Gesetze halten, ohne die unser Miteinander nicht funktioniert.

Wie wäre es zudem mit mehr Beachtung einiger Werte wie Toleranz, Respekt, Verständnis, Kompromissbereitschaft und der Achtung und Wertschätzung von Menschen, die anders denken, anders sind und anders handeln! Und das ist kein Apell, der sich nur an die „Gesellschaft Fußball“ richtet.

Mit lieben Grüßen und den besten Wünschen für das neue Jahr

Klaus