„Lieblingsgegner!“

Ich kann mich schon lange nicht mehr an so aufregende zehn Minuten eines Fußballspiels erinnern wie gestern zwischen der 80. und 90. (plus x) Spielminute. Mit dem Schlusspfiff am Samstagabend breitete sich eine Woge der Erleichterung in der BayArena aus – auf der Trainerbank, auf dem Rasen und natürlich auf den Rängen. Und heute noch die schöne Meldung, dass Ömers Verletzung aus der zehnten Spielsekunde nur ein par Tage Trainingspause bedeutet.

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Dabei war doch eigentlich schon vor dem Spiel alles klar. Es ging doch gegen unseren Lieblingsgegner aus dem Schwabenland – den VfB Stuttgart. Gegen keine andere Mannschaft hat die Werkself in der Bundesliga so oft gewonnen wie gegen Stuttgart und unser Kies trifft ja gegen den VfB sowieso immer.

Eine Serie, die gestern auch hätte reißen können. Beschränkten sich die Gäste doch darauf, das schnelle Spiel unserer Jungs mit einer starken und effektiven Abwehrarbeit zu verhindern. Ein Plan, der lange Zeit aufging. Ich bin nicht sicher, aber ich kann mich an keinen nennenswerten Schuss auf Bernds Tor erinnern. Mal abgesehen von diesem Freistoß ohne Mauer aus elf Metern, der zum ersten und einzigen Tor der Gäste führte.

Die Szene prägte das Spiel sehr lange. Weil Stuttgart stur verteidigte und unserer Mannschaft spielerisch dazu nicht viel einfiel. Und ja, auch ich habe mir so ab der 75. Minute ernsthaft Gedanken um einen positiven Tenor dieses Artikels gemacht. Und deshalb sage auch ich an dieser Stelle noch einmal: Danke an unsere Werkself! Danke, dass ihr nie daran gedacht habt, dieses Spiel nicht gewinnen zu können.

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Und wer die Chance hatte, unmittelbar nach dem Spiel direkt in die Gesichter unserer Spieler sehen zu können, dem wurde schnell klar: Hier freuten sich Jungs die wussten, dass sie sich drei Punkte für die Champions-League mit Kampf, Einsatz und Leidenschaft verdient hatten. Die Fans feierten unsere  Mannschaft – und sie feierten auch sich. Beides völlig zu Recht! „Niemals aufgeben“ hieß es in einer bemerkenswerten Schlussphase auf dem Rasen und über neunzig Minuten – mit ein paar wenigen kurzen Pausen –  bei unseren Supportern im Norden der BayArena. Die Rede ist jetzt nicht von denen, die sich mal wieder erst mit dem Schlusspfiff aus ihrer eingefrorene Sitzhaltung zum Abklatschen und Feiern in den Stand erhoben.

Es waren mal wieder nicht alle, aber es waren die richtigen Fans, die erkannt haben, dass die Mannschaft mit ihrer Unterstützung dieses Spiel würde drehen können. Ein Spiel, das für mich eins der wichtigsten – wenn nicht das Wichtigste – Spiele der Saison war. Nach der Niederlage der Frankfurter stehen wir jetzt mit sieben Punkten Vorsprung auf einem Platz, der die direkte Teilnahme an der Champions-League bedeutet. Ob als Zweiter, oder als Dritter – egal! Ich habe nichts gegen einen spannenden Zweikampf mit dem Noch-Meister aus Dortmund um „unseren“ Vizetitel, aber am Ende zählt das irgendwann auch nicht mehr.

Wie auch der Begriff Lieblingsgegner für mich keine Bedeutung hat. Mein Lieblingsgegner ist immer die Mannschaft, gegen die wir gerade gewonnen haben. Das kann nächste Woche Mainz 05 sein, oder in 14 Tagen der kommende Deutsche Meister aus München.

Obwohl: Seit dem Pokalfinale 2009 in Berlin gibt es Siege, die einfach richtig Spaß machen. Das hat aber nichts mit dem VfB Stuttgart direkt zu tun 😉

Und wer noch einen Blick in die Medienlandschaft werfen möchte, dem empfehle ich die kleine Presseschau auf der Homepage der Werkself. Vor allem der Express bringt es auf den Punkt: 

„Das Publikum verneigte sich vor Bayers Fight-Club. Und dann feierten sie die Helden des Abends mit Sprechchören. Natürlich genossen die Spieler das Bad in der jubelnden Menge. Es war der Höhepunkt eines irren Fußball-Abends. Satte 82 Minuten liefen sie einem Rückstand hinterher. Dann drehten sie die Partie in nur 360 Sekunden. Stuttgarts Abwehrmauer mit 2:1 eingerissen, sich mit sieben Punkten von Eintracht Frankfurt abgesetzt. Nach zuvor nur einem Sieg in fünf Liga-Partien und dem Aus in der Europa League gegen Benfica Lissabon war das wieder ein Zeichen. Jetzt ist den Bayer-Fightern der Champions-League-Platz so gut wie nicht mehr zu nehmen.“

„Und wie siehst du das, Cathy?“

Ganz genau so, lieber Klaus! Du sprichst mir aus der Seele. Mir ist es egal ob wir Vizemeister werden oder als dritter in die Champion- League kommen. Der Einzug ist für mich entscheidend. Ob als zweiter oder dritter macht da keinen Unterschied. Kaufen kann man sich etwas von der Meisterschaft und die ist diese Saison schon verspielt.

Was mir gestern wirklich imponiert hat, ist der Kampfgeist unserer Jungs. Sie haben nicht aufgegeben, auch wenn der VfB es ihnen nicht leicht gemacht hat. Es war sicher nicht optimal – grade wenn ich an die vielen vergebenen Torchancen oder Standards denke, aber es war auch nicht unser schlechtestes Spiel. Für mich lag der Fokus über weite Strecken auf André Schürrle – wie ich hören konnte war ich damit nicht alleine. Um mich herum wurde alles kritisiert was er gestern gemacht hat. „Ständig gibt er vor dem Tor ab!“ „Jetzt hat er schon wieder versucht das Tor selber zu machen! Was für ein Ego!“ „Gib ab!“ „Gib nicht ab!“ Ich glaube kein Spieler konnte es so sehr niemandem recht machen wie André und das tut mir wirklich leid, denn ganz ehrlich? Das war gestern nicht das schlechteste Spiel, dass ich diese Saison von ihm gesehen habe.

Aber es passt zu dem Bild, dass ich von den „Fans“ um mich herum hatte. Hätte da auch nur einer halb so viel Energie ins Anfeuern wie ins Schimpfen gesteckt, dann hätten wir im D-Block tatsächlich so etwas wie Stimmung gehabt. Ich habe es noch nie erlebt, dass der C-Block ein „Steht auf, wenn ihr für Bayer seid…“ anstimmt und 90 % des D-Blocks (ausgeschlossen D1) sitzen bleibt. Ich kann gar nicht in Worte fassen wie enttäuscht und wütend ich bin. Das war eine schwache Leistung.

Aber gut, ich mag mich da heute nicht mehr drüber aufregen. Im Moment bin ich mir auch sicher, dass sich das so schnell nicht mehr ändern wird. Für mich war das Spiel völlig in Ordnung – Luft nach oben gibt es aber dennoch.

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Ein fulminanter Auftakt und große Emotionen

Das war es also – unser erstes Spiel nach der Winterpause. Ich gebe zu, ich war ganz schön aufgeregt. In der Hinrunde war ich der Meinung, Frankfurt würden wir locker schlagen – also wollte ich an dieses Spiel mit etwas weniger Euphorie gehen. Dass das nicht geht, habe ich spätestens dann gemerkt, als das Stadion in Sichtweite kam. Die Stimmung in beiden Fanlagern war gut, die Polizei zwar überdeutlich aber nicht ganz so Unruhe stiftend wie noch im letzten Jahr.

Und dann ging es los… Ich kann nicht sagen ob es an der Kälte lag, aber ich hatte das Gefühl, dass alle Beteiligten erst einmal warm werden mussten. Die Fangesänge waren nicht ganz so laut wie zum Ende der Hinrunde, das Zusammenspiel der Mannschaft eher unruhig, naja und den Frankfurter-Fans muss es sehr kalt gewesen sein, denn anders kann ich mir diese überflüssige und entnervende Zündelei nicht erklären. Auf letzteres werde ich jetzt nicht weiter eingehen, so ein Thema verdient einen eigenen Beitrag. Nach dieser Spielunterbrechung ging es dann auch erst so richtig los. Beide Mannschaften kamen ins Spiel, aber unsere Jungs waren schlicht weg besser.

Einer ist mir dabei (wieder) ganz besonders aufgefallen. Ich hatte in meinem Saisonrückblick ja schon anklingen lassen, dass ich eventuell, vielleicht ein wenig mein Herz verloren haben und genau das hat sich gestern bestätigt. Sebastian Boenisch ist und bleibt eine Wucht. Wie er sich ins Team eingefügt hat ist schon eine Klasse für sich. Ihm schreibe ich einen großen Anteil an dem gestrigen Spielverlauf zu. Es fasziniert mich schlichtweg wie richtig er in den entscheidenden Momenten steht, wie passgenau er spielt und wie wunderbar er auf jeder Position im Feld Sicherheit zeigt. Ganz ehrlich, ich würde mich mehr als nur freuen, wenn er auf Dauer bei uns bleibt!

Am Anfang der Saison war ich mir noch sicher, dass ein Ausfall Kadlecs nicht zu kompensieren ist – und ich bin froh, dass mir das Gegenteil bewiesen wurde. Tatsächlich ist unsere Defensive deutlich stärker geworden und das war für mich eine unserer großen Schwachstellen. Auch gestern haben sich immer wieder ein paar Patzer eingeschlichen, aber die Tendenz ist steigend und das freut mich. Aber ich will mich heute mal nicht mit Fehlersuche oder einer Statistik aufhalten – das Spiel war emotional und so möchte ich es auch behandeln.

Aufhänger gab es ja genug. So etwa Kies und sein 99. Ligator und das vor den Augen Jogi Löws. Was? Ja, genau. Der deutsche Bundestrainer hat sein Navi tatsächlich dazu gebracht, ihn nach Leverkusen zu bringen. Ob es was gebracht hat wird sich zeigen. Auch Andre Schürrle konnte ein wenig seine Stärke demonstrieren, als er unsere 1904 perfekt machte. Alles in allem – sehr gelungen. Etwas tragisch sah dagegen Simon Rolfes aus. Latte – Torwart – Gegenspieler – Teamkollegen sie alle standen seinen Bällen aufs Tor im Weg. Dennoch, man kann ihm nicht vorwerfen, er habe es nicht immer wieder versucht. Aber was wollen wir uns auch beschweren? Unsere Jungs haben drei Tore geschossen – drei über die ich mich sehr freuen konnte. Der Sieg war verdient und es war ein extrem gelungener Einstieg in die Rückrunde. Zwar war nicht alles perfekt aber ich hatte Spaß beim Zuschauen, was mich sogar die Kälte ein wenig vergessen lassen hat. Meine Zehen waren nach dem Spiel tot (und das trotz zwei Paar Strumpfhosen und zwei Paar Socken) doch ich habe meine Anwesenheit im Stadion nicht eine Minute bereut.

Was am Ende zählt sind die drei Punkte, die auf unser Konto gehen. Außerdem habe ich eine Entscheidung getroffen. Nein, ich werde mir nicht Boenischs Antlitz auf den Allerwertesten stechen lassen (das schlug man mir tatsächlich gestern vor) – aber ich werde wohl zum ersten Mal ein Trikot beflocken lassen. Das wollte ich nie, aber ich denke, jetzt ist genau die richtige Zeit dafür. Wessen Name und Nummer da drauf kommen, das könnt ihr euch sicher denken…