Zwischen Transferchaos und Kaderplanung

Es ist wieder soweit. Die Saison neigt sich dem Ende zu und der Transferpoker beginnt. Doch nicht nur die Vereinsbosse und Spieler plagen sich mit dem Thema herum. Die Zeitungen scheinen sich täglich mit spektakuläreren Spekulationen und auch in Fankreisen werden Spieler nach Belieben hin und her getauscht. Was dabei herauskommt ist ein buntes Potpourri an neuen Mannschaftszusammenstellungen und viel böses Blut, wenn ein vorgeschlagener Spieler in Fankreisen nicht so gut angenommen wird.

Als Leverkusener ist es in den letzten Wochen die Personalie Andre Schürrle, die die Gemüter erhitzt und schon den ein oder anderen Streit provoziert hat. Dazu werde ich jetzt nichts schreiben. Das kann ich machen, wenn in dem Fall eine Entscheidung getroffen wurde, aber diese Spekulationen sind nichts für mich. Zu Schürrle kommt nun die Meldung, dass Robbie Kruse zu uns wechselt. Dazu habe ich tatsächlich noch keine Meinung, denn ich habe ihn so gut wie nie spielen sehen. Aber ich habe eine Meinung zu dem Spielertyp, für den er steht.

Wie oft ich schon gelesen habe, Leverkusen solle einen erfahrenen Spieler verpflichten – wie etwa Berbatov- kann ich schon gar nicht mehr sagen. Wer mich kennt, weiß was ich davon halte. Nichts. Ich würde es schon fast das Bayern-Prinzip nennen. Man holt sich alle zwei bis vier Jahre einen oder mehrere Top Spieler, die Erfahrung haben, auf ihrer Position gut sind und nach der Zeit geht das Spiel von vorne los. Dazu fehlt uns, vorsichtig ausgedrückt, das Geld. Wir können uns nicht alle paar Jahre Spiele für die erste Mannschaft kaufen, die dann möglichst schnell zusammen wachsen und durch Klasse bestechen.

Das Modell, das ich gerne sehe und auch bei uns wiederfinde, ist das des Ausbildungsvereins. Wir kaufen uns (recht günstig) mehr oder minder junge Spieler, bauen sie auf und bilden sie so aus, dass sie in unserer Mannschaft gut spielen. Am Ende kommt dabei ein guter Spieler mit Erfahrung raus, denn man entweder halten kann oder für einen hohen Betrag verkaufen kann. Letzteres finde ich nicht so super. Finanziell macht es Sinn, aber ich denke dass eine Mannschaft dann viel Erfolg haben kann, wenn sie perfekt aufeinander abgestimmt ist. Dass diese Abstimmung wichtig ist, konnte man grade bei dem Spiel der Dortmunder gegen Real Madrid sehen. Der Kaderwert der Spanier ist extrem hoch – da spielen Superstars. Dagegen kommen die Dortmunder so gut sie auch einzeln sind – nicht an. Aber sie spielen einen soliden, guten Kombinationsfußball. Da weiß jeder, wo der andere steht und so kriegt man die Bälle nah vors Tor und mit einem super Stürmer auch darein.

Wir haben so einen Stürmer. Sein Problem? In den letzten Spielen habe ich ihn ständig in unserem Strafraum gesehen. In Mittelfeld entsteht eine Lücke? Kies schließt sie. Die Abwehr pennt, er ist zur Stelle. Das ist extrem ärgerlich, aber darum soll es heute nicht gehen. Ich denke, wir brauchen junge Spieler, die wir so schnell wie möglich in das System unserer Mannschaft integrieren und die wir über mehr als zwei Jahre halten können. Das ist nicht leicht und grade der Fall Götze hat einmal mehr gezeigt, dass noch so große Treuebekenntnisse und Loyalität nichtig sein können, wenn der große FCB und Guardiola winken. Aber ich denke ein Versuch ist es wert.

Wir können uns die Starspieler nicht leisten, die uns ein Spielsystem wie beim FCB ermöglichen. Warum sollten wir es also versuchen? Für mich liegt die Zukunft unseres Vereins in der Ausbildung. Mit einer Mannschaft, in der das Vertrauen untereinander da ist und Absprachen funktionieren ist auch die Meisterschaft drin – daran glaube ich ganz feste.

Was meint ihr? Jugendarbeit oder mehr Geld für Stars? Was bringt die Werkself zum Titel?

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Ein fulminanter Auftakt und große Emotionen

Das war es also – unser erstes Spiel nach der Winterpause. Ich gebe zu, ich war ganz schön aufgeregt. In der Hinrunde war ich der Meinung, Frankfurt würden wir locker schlagen – also wollte ich an dieses Spiel mit etwas weniger Euphorie gehen. Dass das nicht geht, habe ich spätestens dann gemerkt, als das Stadion in Sichtweite kam. Die Stimmung in beiden Fanlagern war gut, die Polizei zwar überdeutlich aber nicht ganz so Unruhe stiftend wie noch im letzten Jahr.

Und dann ging es los… Ich kann nicht sagen ob es an der Kälte lag, aber ich hatte das Gefühl, dass alle Beteiligten erst einmal warm werden mussten. Die Fangesänge waren nicht ganz so laut wie zum Ende der Hinrunde, das Zusammenspiel der Mannschaft eher unruhig, naja und den Frankfurter-Fans muss es sehr kalt gewesen sein, denn anders kann ich mir diese überflüssige und entnervende Zündelei nicht erklären. Auf letzteres werde ich jetzt nicht weiter eingehen, so ein Thema verdient einen eigenen Beitrag. Nach dieser Spielunterbrechung ging es dann auch erst so richtig los. Beide Mannschaften kamen ins Spiel, aber unsere Jungs waren schlicht weg besser.

Einer ist mir dabei (wieder) ganz besonders aufgefallen. Ich hatte in meinem Saisonrückblick ja schon anklingen lassen, dass ich eventuell, vielleicht ein wenig mein Herz verloren haben und genau das hat sich gestern bestätigt. Sebastian Boenisch ist und bleibt eine Wucht. Wie er sich ins Team eingefügt hat ist schon eine Klasse für sich. Ihm schreibe ich einen großen Anteil an dem gestrigen Spielverlauf zu. Es fasziniert mich schlichtweg wie richtig er in den entscheidenden Momenten steht, wie passgenau er spielt und wie wunderbar er auf jeder Position im Feld Sicherheit zeigt. Ganz ehrlich, ich würde mich mehr als nur freuen, wenn er auf Dauer bei uns bleibt!

Am Anfang der Saison war ich mir noch sicher, dass ein Ausfall Kadlecs nicht zu kompensieren ist – und ich bin froh, dass mir das Gegenteil bewiesen wurde. Tatsächlich ist unsere Defensive deutlich stärker geworden und das war für mich eine unserer großen Schwachstellen. Auch gestern haben sich immer wieder ein paar Patzer eingeschlichen, aber die Tendenz ist steigend und das freut mich. Aber ich will mich heute mal nicht mit Fehlersuche oder einer Statistik aufhalten – das Spiel war emotional und so möchte ich es auch behandeln.

Aufhänger gab es ja genug. So etwa Kies und sein 99. Ligator und das vor den Augen Jogi Löws. Was? Ja, genau. Der deutsche Bundestrainer hat sein Navi tatsächlich dazu gebracht, ihn nach Leverkusen zu bringen. Ob es was gebracht hat wird sich zeigen. Auch Andre Schürrle konnte ein wenig seine Stärke demonstrieren, als er unsere 1904 perfekt machte. Alles in allem – sehr gelungen. Etwas tragisch sah dagegen Simon Rolfes aus. Latte – Torwart – Gegenspieler – Teamkollegen sie alle standen seinen Bällen aufs Tor im Weg. Dennoch, man kann ihm nicht vorwerfen, er habe es nicht immer wieder versucht. Aber was wollen wir uns auch beschweren? Unsere Jungs haben drei Tore geschossen – drei über die ich mich sehr freuen konnte. Der Sieg war verdient und es war ein extrem gelungener Einstieg in die Rückrunde. Zwar war nicht alles perfekt aber ich hatte Spaß beim Zuschauen, was mich sogar die Kälte ein wenig vergessen lassen hat. Meine Zehen waren nach dem Spiel tot (und das trotz zwei Paar Strumpfhosen und zwei Paar Socken) doch ich habe meine Anwesenheit im Stadion nicht eine Minute bereut.

Was am Ende zählt sind die drei Punkte, die auf unser Konto gehen. Außerdem habe ich eine Entscheidung getroffen. Nein, ich werde mir nicht Boenischs Antlitz auf den Allerwertesten stechen lassen (das schlug man mir tatsächlich gestern vor) – aber ich werde wohl zum ersten Mal ein Trikot beflocken lassen. Das wollte ich nie, aber ich denke, jetzt ist genau die richtige Zeit dafür. Wessen Name und Nummer da drauf kommen, das könnt ihr euch sicher denken…